Newsletter (German only)
  • Kritik an bestimmten Ausprägungen einer Religion und auch an einer Religion per se muss zulässig bleiben!
  • Gleichsetzung von "Islamophobie" und Rassismus ist falsch und verharmlost echten Rassismus!

(23.12.2009) Die Mehrheit der Schweizer  - 57,5 % - haben bei einer hohen Wahlbeteiligung von 53,5 % für ein Verbot weiterer Minarettbauten in der Schweiz gestimmt. Auch wenn die Schweizer Entscheidung mehr als fragwürdig und unklug war – zur Religionsfreiheit gehört auch die Möglichkeit für die Angehörigen einer Religion, Gotteshäuser zu errichten und da kann ein Turm in angemessener Höhe dazugehören – so ist doch dem CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach recht zu geben. Er plädierte dafür, das Schweizer Votum nicht hochmütig zu kritisieren – es sei Ausdruck einer auch in Deutschland weit verbreiteten Angst vor der Islamisierung. Das gilt wohl auch für Österreich.

Univ.-Prof. Ednan Aslan, islamischer Religionspädagoge am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Wien, geht in einem Presse-Kommentar vom 3. Dezember genau auf diese Angst ein.

Univ.-Prof. Ednan Aslan: Minarette sind kein Zeichen beängstigenden Andersseins - aber wir brauchen einen Islam europäischer Prägung!

"Es ist Zeit, dass der innerislamische Diskurs sich intensiver mit den Grundwerten Europas auseinandersetzt und die Ängste der Menschen ernst nimmt …", schreibt Prof. Aslan.

Und weiter: Die Muslime haben "mehr denn je die herausfordernde Aufgabe, ihre Religion mit einer europäischen Prägung darzustellen, sodass der Islam nicht als fremdes und bedrohliches Phänomen wahrgenommen wird." Zu den Minaretten selber schreibt er: "Das Minarett ist ... kein Zeichen des beängstigenden Andersseins, sondern ein Zeichen einer Bereitschaft, sich in der Mitte der Gesellschaft zu zeigen. ... Der radikale Islam braucht ... weder Moscheen noch Minarette, sondern nur entmündigte Gläubige, die sich ohne gesellschaftliche Handlungskompetenzen auf die religiösen Autoritäten verlassen und ihre Sicherheit im dogmatischen Mief unter Glaubensgenossen suchen." Link zum Artikel - bitte hier klicken

Ein Islam europäischer Prägung, der die Werte des säkularen, aufgeklärten Europas nicht nur akzeptiert, sondern sie zu seinen eigenen macht – eine solche Entwicklung ist dem Islam in Europa zu wünschen (was er unter einem europäisch geprägten Islam versteht, beschreibt Ednan Aslan in einem Kommentar für die Presse vom 8.5.2009: Link zum Artikel - bitte hier klicken ).
Doch so wichtig die innerislamische Debatte ist - der Staat kann sich nicht auf deren positiven Abschluss verlassen und auch nicht darauf warten. Schließlich war die Durchsetzung der Werte der Aufklärung gegenüber den Kirchen auch nur mit einem mehr oder weniger sanften Druck möglich. Im Zusammenhang mit einem traditionalistisch-patriarchalischen Islam und dem gefährlicheren "modernen" politischen Islamismus ist der Staat vor allem gefordert, eine konsequente Politik zum Schutz der Rechte und der Gleichberechtigung der Frauen zu verfolgen.

Unglaubliche Entgleisung: Türkischer Ministerpräsident behauptet, Islamophobie sei wie Antisemitismus ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit"

Ganz anders als Prof. Aslan reagierte der gemäßigt-islamistische türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan auf das Schweizer Referendum – mit  einem Rundumschlag gegen Europa. Er orte in Europa eine "zunehmend rassistische und faschistische" Haltung. Islamophobie sei wie Antisemitismus ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" (Presse 2.12.2009: Link zum Artikel - bitte hier klicken ).

Das kann man freilich so nicht stehen lassen – aus mehreren Gründen:

  • Erdogans Äußerung beweist bereits, auf welch intellektuell schwachen Beinen der Islamismus steht: Während der Begriff Antisemitismus auf die Angehörigen einer Ethnie (nämlich die Semiten, im üblichen Sprachgebrauch die Juden) abstellt, stellt der Begriff der Islamophobie auf eine Religion ab. Eine Religion aber ist idiomatisch ein Abstraktum, während der Angehörige einer Ethnie ein Mensch aus Fleisch und Blut ist. Erdogan kennt offenbar nicht die saubere begriffliche Differenzierung oder will sie nicht kennen. Religionskritik an sich ist weder Kritik an einem Menschen, noch an einem Volk oder einer Nation, noch ist sie Gotteskritik. Und während Religionskritik in Europa eine gute Tradition seit Sokrates hat – bereits dieser hinterfragte die damalige polytheistische Religion, was ihm das Todesurteil einbrachte –, ist der Rassenhass ein eher junges, primitiv-affektives Phänomen, vergleichbar dem früheren Hexenwahn. Erinnert sei auch daran, dass der erste Genozid des 20. Jahrhunderts jener an den christlichen Armeniern im Türkischen Reich war.
  • Die Ablehnung einer bestimmten Ausprägung einer Religion – des Islamismus, eines traditionalistisch-patriarchalischen Islam, aber auch einer Religion als solcher, wie eben des Islam oder auch des Christentums – muss in einer freien Gesellschaft ebenso möglich sein wie die Gegnerschaft zu Ideologien wie Kommunismus oder Faschismus. Tilman Nagel, emeritierter Professor für Arabistik und Islamwissenschaft an der Universität in Göttingen, stellte im Interview in der Presse vom 15. November 2009 bezüglich des Begriffes der  "Islamophobie" klar: "Der europäische Menschenrechtsbeirat hat sie schon als verwerflich gebrandmarkt, und der UN-Menschenrechtsbeirat greift das zum Teil auf. Ich halte das für falsch – die Menschenrechte beziehen sich auf den Menschen, nicht auf das, was er glaubt. Islamophobie muss erlaubt sein, man kann nicht eine Meinung oder Glaubenshaltung unter Schutz stellen. Das ist eine bedenkliche Umdefinierung der Menschenrechte."(Link zum Interview - bitte hier klicken )
  • Auch manche Ideologien arten zu regelrechten säkularen Religionen aus. Gerade der Kommunismus war und ist eine säkulare Religion, insbesondere in Ausprägungen wie dem Maoismus, wo Millionen fanatisierter Menschen in China und der Welt mit der Maobibel in der Hand jedem Fingerzeig des "Messias Mao" gefolgt wären. Soll auch "Kommunistophobie" als "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" unter Strafe gestellt werden? Und wenn "Islamophobie" Rassismus ist, ist dann "Kommunistophobie" antinordkoreanischer oder antikubanischer Rassismus?
  • Islamophobie wie Antisemitismus (der sich nicht auf den Glauben sondern die Bevölkerungsgruppe der Juden bezieht) als Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder als Rassismus zu bezeichnen, verharmlost die Shoah und echten Rassismus. In Österreich könnte eine solche Behauptung nach dem Verbotsgesetz sogar einen gerichtlichen Straftatbestand darstellen (Verharmlosung des Nationalsozialismus).

Der Staat ist gefordert, die Freiheit und Gleichheit seiner Bürger zu schützen – die Gleichheit der Bürger unabhängig von Hautfarbe, Sprache und Geschlecht und die Freiheit, politische Überzeugungen zu vertreten und andere zu kritisieren oder abzulehnen. Die Religionsfreiheit darf dabei nicht über die Menschenrechte im Allgemeinen und den Grundsatz der Gleichberechtigung der Geschlechter im Besonderen gestellt werden. Verbote sind nur dort angebracht, wo es um den Schutz unverhandelbarer Grundwerte geht und um den Schutz des Staates und der Bürger vor totalitären Ideologien (und dabei kann es sich auch um Ausprägungen von Religionen handeln), die diese Grundwerte gefährden.